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Schillers Tod

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Der Winter war hart und kalt und nahm mir meinen Lebensmut. Wie sehr wartete mein Herz auf Tauwetter und auf die ersten milden Sonnenstrahlen, die auch mein Denkvermögen, das unter meiner Krankheit so sehr gelitten hatte, aufbrechen lassen sollte. Erst Ende April konnte man den nahenden Frühling erahnen, doch ich wusste in meinem tiefsten Inneren, dass von den harten Schicksalsstößen der letzten Monate etwas zurückbleiben würde, denn ich war schließlich keine 30 mehr. Nur hoffte ich immer noch inständig, wenigstens die 50 bei leidlicher Gesundheit erreichen zu können.
 
Ich nutzte die dunkle Zeit, um Briefe zu schreiben, an meine Schwestern, an Körner und an Humboldt nach Rom, in der Hoffnung, sie alle noch einmal wieder zu sehen, obwohl meine Seele bereits wusste, dass dies nicht mehr möglich sein würde.
 
Jede schmerzfreie Minute arbeitete ich am Demetrius und hielt meine Feder wie einen Strohhalm in der Not umklammert. Wenn mein Körper so leicht meinen Wünschen folgen könnte, und ich unabhängig gewesen wäre, wäre ich vielleicht um vier Grade näher dem Süden gezogen.
 
Goethe übergab mir am 25. April bei einem Besuch seine Übersetzung zu „Rameaus Neffe“ von Diderot, die ich für ihn durchsehen sollte, um mich in einigen Tagen mit ihm darüber auszutauschen. Er bat mich, diese danach für ihn an seinen Verleger in Leipzig weiterzuleiten; tags darauf schickte er mir einen Teil seiner Farbenlehre zur kritischen Durchsicht.
 
Den Abend des 28. April hatte ich bei Hofe in meiner prächtigen grünen Galauniform verbracht, und Voß hatte beim Ankleiden beteuert, dass ich gut und gesund aussähe.
 
Am Abend des 30. April begegnete ich Goethe zum letzten Male vor meinem Haus, als ich gemeinsam mit meiner Schwägerin Karoline auf dem Weg ins Theater war, wo Schröders Lustspiel „Die unglückliche Ehe aus Delikatesse“ gegeben wurde. Goethe fühlte sich aufgrund seiner Erkrankung immer noch nicht wohl genug, um uns zu begleiten.
 
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Johann Wolfgang von Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, 1828. Quelle: Wikipedia
 



Als das Stück endete, kam Voß wie gewohnt zu mir in die Loge, um mich nach Hause zu begleiten und fand mich in einem solch heftigen Fieber, dass mir vom Schüttelfrost die Zähne klapperten. Schon auf dem Weg ins Theater war mir mein Zustand seltsam vorgekommen, denn ich spürte mit einem Male den Schmerz meiner linken Seite nicht mehr, der mich jahrelang begleitet hatte. 
 
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Heinrich Voß. Stich von Carl Barth nach einem Gemälde von Franz Gareis (1800). Quelle: Wikipedia
 



Zu Hause angekommen, ließ ich mir zur Stärkung einen Punsch machen, und Voß fand mich am Morgen des 1. Mai völlig apathisch auf dem Sofa liegend. Meine Kinder kamen zu mir und küssten mich, was ich teilnahmslos hinnahm, ohne darauf zu reagieren. Lotte ließ mein Bett im Arbeitszimmer aufstellen und benachrichtigte Doktor Huschke, da Professor Stark mit der Großfürstin in Leipzig weilte. Huschke tat alles Mögliche, um mir zu helfen, doch es fehlte ihm die Erfahrung, denn er hatte eine solche Krankheit noch nie behandelt und diagnostizierte in seiner Unwissenheit ein rheumatisches Seitenstechfieber, ohne zu ahnen, dass es sich um eine akute Lungenentzündung handelte.
 
Anfangs empfing ich Besuch, doch da das Sprechen meinen Husten vermehrte, war es mir am Liebsten, wenn Lotte und ihre Schwester alleine um mich waren, und auch als Voß sich erbot, weiter des Nachts an meinem Bett zu wachen, blieb ich lieber mit meinem treuen Diener Rudolph alleine. Ich sehnte mich sehr nach dem Besuch meines Schwagers, der sich jedoch ebenfalls in Leipzig aufhielt.
 
Bis zuletzt beschäftigte mich mein Demetrius, und obwohl ich mir selbst verbot, meinen Zustand bewusst wahrzunehmen, versuchte ich meinen eigenen Worten: „Der Tod könne kein Übel sein, da er etwas Allgemeines sei“, zu vertrauen. Die Ängste kamen trotzdem, nicht nur vor dem Unausweichlichen, sondern auch davor, meiner Familie „Adieu“ sagen zu müssen – sie alleine zu lassen, wo meine jüngste Tochter gerade erst auf der Welt war.
 
Wie gerne hätte ich manches noch ausgesprochen, doch am 6. Tag schwand meine Sprache, und aus Angst vor Schmerzen bat ich Gott, er möge barmherzig sein mit mir und dem Leiden schnell ein Ende setzen. Sobald ich schlief, sprach ich im Delirium und sah im halbwachen Zustand, wie sich der Vorhang zwischen der irdischen und geistigen Welt langsam öffnete und mir ein Einblick gewährt wurde, der mich ruhig werden ließ.
 
Ich fragte, ob das die Hölle oder der Himmel sei, und beim Erwachen blickte ich zufrieden lächelnd in die Höhe, um dem Lichtwesen nachzusehen, das mir tröstend erschienen war, um mich abzuholen.
 
Noch einmal verlangte ich meine jüngste Tochter zu sehen, um sie ein letztes Mal zu betrachten und ihre kleine Hand zu halten. Mein Innerstes war voller Ruhe, und ich bat darum, man möge die Vorhänge öffnen, denn ich wollte noch einmal den Himmel sehen.
 
In der folgenden Nacht kreisten die Gedanken wieder um den Demetrius, und am Morgen des 9. Mai 1805 schlief ich bis gegen zehn Uhr, und da ich darüber klagte, dass mir Angst ums Herz sei, verordnete mir Doktor Huschke die anstrengende Maßnahme eines Bades, mit dem ich mich schwer tat.
 
Um meinen Kreislauf zu stärken, gab er mir ein Glas Champagner, doch dann trat Besinnungslosigkeit ein. Ich sprach im Delirium und erkannte keinen Menschen mehr, auch nicht Lotte, die verzweifelt neben meinem Bett kniete und meine Hand hielt. Gegen drei Uhr nachmittags trat vollkommene Schwäche ein, mein Atem fing an zu stocken, und es fuhr wie ein elektrischer Schlag durch mich hindurch, bevor sich der irdische Vorhang schloss und mir der himmlische geöffnet wurde.
 
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Schiller auf dem Totenbett. Zeichnung von Ferdinand Jagemann. Quelle: Könnecke 1905
 




An Friedrich von Schiller
von Gisela Seidel

Fort bist du lange schon,
doch hier noch so präsent,
dass deine Gegenwart zu spüren,
augenschließend ich vermag.
Lässt mir das große Schweigen,
das niemals meinen Namen nennt.
So plötzlich kam der Schmerz,
verfinsterte den Tag.
Suchtest den Weg in ferne Dimensionen,
gabst von der Ewigkeit, die du versprachst,
mir nur ein kleines Stück;
wo Seraphinen in Traumwelten wohnen,
dorthin brachte dein Todesengel dich zurück.
Gewährte Zerberus dir Einlass in sein Reich,
so zahle ich heut’ noch dafür Gebühr.
Erscheint dein Antlitz vor mir engelsgleich,
streck’ ich in manchem Traum die Hand nach dir.
Werd’ niemals wieder deiner Stimme lauschen
und niemals deinen warmen Atem spür’n.
Wie könnt’ ich mich an deiner Gegenwart berauschen,
wie sehr möcht’ ich mit dir den Himmel sanft berühr’n!
Vergangen und vorbei – vergessen, nie so ganz;
am Ende meines Weges sei bereit,
reich’ mir die Hand zum eig’nen Totentanz
 auf dem Parkett durch die Unendlichkeit.



 

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