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Uraufführung Mannheim


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Im Bild unten:  Szene aus den "Räubern". Quelle: Könnecke 1905
   Friedrich Schiller gemalt und gestochen von F. Kirschner

 

Das Gefühl, vieles versäumt zu haben, sollte mich ein Leben lang begleiten. Aus mir war ein Mensch steter Unrast geworden. Jahre waren verloren, in denen mein strebender Geist hätte Nützliches vollbringen können. So schien eine unsichtbare Triebfeder in mir zu sein, die mir befahl, all’ das Versäumte nachzuholen.
 
Getrieben vom Hass gegen meinen Unterdrücker glich mein Streben nach sittlicher Freiheit einer ersten Liebe, die feurig und stark erblühte wie eine duftende Rose.
 
Es war eine demütigende Folter, die Welt dort draußen nur als ein Gefangener des Herzogs betrachten zu müssen. Mein Dasein glich seit Jahren dem eines Tieres im Käfig. Oft dachte ich wehmütig darüber nach, wie es wohl wäre, wenn ich in Freiheit leben könnte, ohne dem militärischen Druck ausgesetzt zu sein. Gedanklich flüchtete ich in diese andere, fremde Welt, die ich nur aus meinen geliebten Büchern kannte. Ich hoffe, sie würde mich irgendwann mit offenen Armen aufnehmen.
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Christian Friedrich Daniel Schubart. Quelle: Wikipedia
 



Mir war klar, dass mich der Herzog niemals ziehen lassen würde, denn ich war sein verbrieft und besiegelter Besitz. Dagegen anzugehen verbat ich mir aus Angst, denn ich hatte das leidvolle Schicksal des Dichters Christian Friedrich Daniel Schubart stets vor Augen, der für insgesamt zehn Jahre auf der Festung Hohenasperg eingekerkert war.

Schubart war 1769 als Organist und Musikdirektor an den Württembergischen Hof berufen worden. Aufgrund seines recht lockeren Lebenswandels und seiner scharfen Kritik an Aristokratie und Geistlichkeit wurde er zusehends mehr ein Dorn im Auge des Herzogs, bis dieser ihn letztendlich 1773 aus Ludwigsburg verwies.

Danach reiste Schubart jahrelang durch Süddeutschland und schrieb in Augsburg für ein Journal. In seiner dort erschienenen „Deutschen Chronik“ legte er sich vor allem mit den Jesuiten an. Er beschrieb ihren Orden als "den Geist, der sich wie epidemischer Hauch im Finstern oder am hellen Mittage verderbend in einem Staat verbreitet". Er erntete Schmähschriften, Arretierung und musste schließlich Augsburg verlassen, was ihn bewog, mit seiner ‚Chronik‘ nach Ulm zu gehen. Diese fand Verbreitung bis über die Landesgrenzen hinaus.
 
Durch die Veröffentlichungen in seinem Journal versuchte er eine gesellschaftliche Revolution zu entfachen, welche die unteren Stände befreien sollte. Seine Gedanken waren gegen die teuren Hofhaltungen der kleinen Fürstentümer gerichtet. Doch er ging zu weit, als er über den württembergischen Herzog schrieb: "Ihr Herzog ist hier durchpassiert und war ungemein gnädig. Er hat einen hiesigen Patriziersohn in die Sklavenplantage (Karlsschule) aufgenommen. Seine Donna Schmergalina (seine Mätresse Franziska von Hohenheim) saß neben ihm wie Mariane an Achmets Seite. Aller Fürstenglanz ist in meinen Augen nicht mehr als - das Glimmen einer Lichtputze - es glimmt und stinkt."
 
Damit hatte er den Bogen bei weitem überspannt. Der Herzog sann nach Rache und lockte Schubart unter einem Vorwand ins Württembergische, wo er ihn alsdann ergreifen ließ. Ohne Anklage und Prozess wurde er auf Hohenasperg eingekerkert. Aus der zunächst einjährigen totalen Absonderung wurden zehn lange Kerkerjahre, die zur Abschreckung für alle Freigeister und Beugung des Inhaftierten dienen sollten.   
 
Schubarts Erzählung "Zur Geschichte des menschlichen Herzens" diente mir als Grundlage für mein Drama “Die Räuber”.
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Heribert von Dalberg Quelle: Wikipedia und Könnecke 1905.
 


Was ich 1777 begonnen hatte, sollte im Jahre 1781 Vollendung finden. Die Fragmente meiner Räuber waren endlich zu einem Buch zusammengefasst und druckbereit. In Stuttgart und Umgebung war mir ein solcher Druck untersagt, denn die Poesie beleidigte die Gesetze des herzoglichen Erziehungsinstitutes. Lediglich die Veröffentlichung medizinischer Abhandlungen wurde mir gestattet. Also beauftragte ich meinen ehemaligen Studienfreund Petersen in Stuttgart damit, außerhalb des Herrschaftsgebietes des Herzogs Karl Eugen nach einem geeigneten Verlag zu suchen. Petersen war bereits 1779 entlassen worden und als Bibliothekar tätig. Leider schlugen alle seine Versuche fehl. Was ich anfangs für recht einfach gehalten hatte, erwies sich als schwieriges und schier unlösbares Unterfangen.
 
Ich war ein noch unbeschriebenes Blatt in der literarischen Welt, denn außer mit einigen Gedichten konnte ich noch mit keiner größeren Veröffentlichung aufwarten. Ich war enttäuscht und fand mich auf den harten Boden der Tatsachen zurückbefördert.
Trübe Überlegungen beschlichen mich, die mir rieten, mein Werk zu vernichten. Doch schließlich siegte meine innere Stimme, die mich ermutigte, es auf anderem Wege erneut zu versuchen. Doch welche Möglichkeiten blieben mir? Die Welt sollte lesen, was ich mir heimlich von der wunden Seele geschrieben hatte! Ich war überzeugt davon, dass mein Trauerspiel gut war.

Fest entschlossen, ein Risiko einzugehen, entschied ich mich zur Kreditaufnahme von 150 Gulden, um das Drama im Selbstverlag in Stuttgart drucken zu lassen. Die Exemplare lagen nun in einer Ecke meines kärglichen Raumes und warteten auf ihren Absatz, den Petersen mir jedoch auch nach längerem Warten nicht melden konnte. So schien es nicht zu funktionieren. Ich saß auf meinem Bücherberg und überlegte, wie ich so gut es ging aus der Sache herauskommen könnte.
 
Ich forderte ein Urteil über mein Werk, doch niemand wollte es lesen. Anstelle der erhofften Geldvermehrung durch den Verkauf, saß ich auf einem Schuldenberg, der mich dem Schuldturme näher brachte, wenn ich ihn nicht innerhalb der nächsten neun Monate abzahlen konnte.
 
Als sich der Verkauf auch weiterhin nicht regte, schickte ich die ersten beiden Akte der Räuber an den Mannheimer Verleger Schwan, der im Ruf stand, besonders junge Talente durch seinen Einfluss zu fördern. Er erschien mir sozusagen als letzte Rettung. Als ich in seiner Rückantwort die Worte las, er könne dies Stück einem ehrsamen und gesitteten Publikum nicht zumuten, fand ich mich dem Abgrund nahe. Doch ein letzter Funken Hoffnung blieb! Dem Verleger hatte die Geschichte des Dramas offensichtlich so gut gefallen, dass er es sogleich Wolfgang Heribert von Dalberg, dem Intendanten des Mannheimer Hof- und Nationaltheaters vorlegte und ihm die beiden Akte vorlas.

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Schwan schickte mir in Absprache mit besagtem Herrn etliche Verbesserungsvorschläge und Hinweise, wie die Härte und Bissigkeit des Stückes abzumildern sei, damit man es auch auf der Bühne präsentieren könnte. Besonders die Kritik an Kirche und Obrigkeit hätte ich zu entschärfen.
So ließ ich den Großteil der bereits gedruckten Fassung einstampfen und schrieb quasi ein neues, milderes Stück, das ins Mittelalter versetzt und genügend geglättet, der Öffentlichkeit als Buch und Theaterstück vorgestellt werden konnte.
 
Nach einem entsagungsvollen Jahr – die Abtragung der Schulden zehrte an mir – war endlich der lang ersehnte Tag da.
 
Die Räuber wurden mit dem damals berühmten Schauspieler August Wilhelm Iffland in der Hauptrolle am 13. Januar 1782 in Mannheim uraufgeführt. Selbst der Verkauf des zuvor erschienenen Buches zeigte mit einem Mal den gewünschten Erfolg.

 
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 August Wilhelm Iffland. gezeichnet von M. Klotz, gestochen von A. Karcher.
 

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Johann David Beil. Gestochen von E. Henne.Er spielte den "Schweizer" in der ersten Aufführung der "Räuber".
 


Jeder kam, um das berüchtigte Stück zu sehen und schon am frühen Nachmittag begann sich das Theater zu füllen, obwohl die Vorstellung erst um fünf Uhr beginnen sollte.
 
Ich beabsichtigte natürlich bei der ersten und zweiten Aufführung zugegen zu sein und bat im Regiment um Urlaub, welcher mir jedoch aus purer Willkür verwehrt wurde.
 
Da es mir strikt untersagt wurde, die Stadt Stuttgart zu verlassen, musste ich inkognito und heimlich mit Petersen nach Mannheim reisen, denn die Aufführung wollte ich auf gar keinen Fall versäumen. Alles war geschickt eingefädelt, und ich erschien zunächst im Regiment, wie es gefordert war. Doch dann machten wir uns auf den Weg.  
 
Unauffällig und unerkannt stand ich an einer eigens für uns reservierten Stelle des Theaters und fieberte der Aufführung und dem Applaus des Publikums entgegen. beil

Johann David Beil. Gestochen von E. Henne. Er spielte den "Schweizer" in der ersten Aufführung der "Räuber".
 



Dies schien gebannt ruhig zu sein, als sich der Vorhang endlich öffnete und das Bühnenbild sichtbar wurde. Eine Szene im alten Schlosse Moors, darin Franz Moor und sein Vater, und die ersten Worte ertönten: „Aber ist Euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blass...“
 
Wie stolz und selig ich mit einem Male war! Es war wirklich mein Werk, welches dort gespielt wurde, und das Buch, das ich gedruckt in meinen Händen hielt, war wirklich das meine.
 
Das Publikum fieberte fasziniert und in beeindruckender Stille dem Ende der Geschichte entgegen. Während der ersten beiden Akte zeigte es überhaupt keine Regung, so dass mich zunächst eine große Furcht überkam, das Drama würde nicht ankommen.
 
Aber dann, nach Ablauf des dritten Aktes, applaudierte die rasende Menge, teils schreiend mit geballten Fäusten. Der Beifall vermischte sich mit dem Weinen wankender Frauen, die, einer Ohnmacht nahe, auf ihre Stühle sanken. Trotz der mittelalterlichen Aufmachung des Stückes hatten alle begriffen, dass es die Gegenwart war, die hier dargestellt wurde.
 
Ich hatte der maroden Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten, doch noch weitere sieben Jahre würde es dauern, bis die Französische Revolution diejenigen vom Sockel werfen sollte, deren Fundamente schon erste Risse aufwiesen.
 
Noch völlig trunken vom Applaus und der Theater Atmosphäre, begaben wir uns nach der Beendigung des Stückes zu einem Essen, bei dem alle Schauspieler zugegen waren. Neue Bekanntschaft machte ich hier auch mit Schwans Tochter Anna Margaretha, deren interessierte Blicke mir nicht entgangen waren.
 
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Christian Friedrich Schwan
 


 

Lithographien von Carl Lang aus "Götz, Geliebte Schatten". (Mannheim 1854).
 



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Anna Margaretha Schwan.
 




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