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Leipzig
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Leipzig: Marktplatz zur Messezeit. Kupferstich um 1800. Quelle: Wikipedia
 



Eine lange strapaziöse Reise lag vor mir, und ich ließ noch einmal die vergangenen Monate gedanklich Revue passieren. Ich musste mir eingestehen, dass hier in Deutschland, ohne Titel und Beziehungen zu hochrangigen Personen, selbst der Fleißigste und Talentvollste scheitern würde. Deshalb war ich fest entschlossen, meine Dichtkunst für eine gewisse Zeit außer Acht zu lassen und mich mit Eifer erneut dem Studium der Rechtswissenschaften zu widmen. Ich traute mir durchaus zu, dies in kürzester Zeit zu absolvieren, um danach den Doktorhut zu erlangen. Schließlich war ich im Denken und Lernen geübt - so sollte es für mich möglich sein, die normale Studienzeit erheblich verkürzen zu können.
 
Eine ehrenvolle Anstellung als Minister an einem kleineren sächsischen Hof schwebte mir vor und schien, zumindest gedanklich, zum Greifen nah zu sein. Ein neues Ziel entstand vor meinem geistigen Auge wie ein Silberstreif am Horizont.
 
Es war die schlimmste Kutschfahrt, die ich je mitgemacht hatte! Wechselweise erschwerten Morast, Schnee und Wasser die Weiterfahrt erheblich, so dass der Kutscher schon nach kurzer Strecke von einem auf zwei Zugpferde wechseln musste. Deshalb verzögerte sich meine Ankunft in Leipzig um zwei volle Tage.

Als ich endlich am Sonntag, den 17. April 1785 mein Ziel erreicht hatte, bestaunte ich zunächst das Menschengewirr und die neue bunte Vielfalt in den Straßen, denn hier fand gerade die jährliche Messe statt.
 
Ich liebte es, unter Menschen zu sein und hatte mir aus diesem Grund in den Kopf gesetzt, möglichst nicht mehr alleine zu wohnen.
 
Meine Wirtschaft sollte geführt werden, weil ich mich stets aus meiner Welt der Poesie herausgerissen fühlte, wenn eine Zimmersäuberung anstand oder wenn es nötig war, meine Strümpfe zu stopfen. Diese lästigen Alltagsbürden waren so weit von meiner idealistischen Welt entfernt, dass ich mich nicht weiter damit abmühen wollte. Außerdem – so hatte ich längst ausgerechnet – wäre es für mich bedeutend billiger, gemeinsam mit meinen Freunden zu wohnen.
 
Das Beste daran wäre jedoch, dass ich jederzeit über neue Ideen und Pläne, ohne langen Briefwechsel oder zeitaufwendige Besuche, mit einem seelenverwandten Menschen reden könnte, der mich verstand und der mir stets eine Hilfe wäre, so wie ein Engel, dem ich alles aus dem Augenblick heraus mitteilen konnte. 
 
Vorerst jedoch sollte ich mich mit einem kleinen Studentenzimmer zufrieden geben müssen. Ich stieg bei meiner Ankunft im „Blauen Engel“ ab und benachrichtigte die schon wartenden neuen Freunde über meine Ankunft.
 
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links: Johanna Dorothea Stock.
Gemälde von Anton Graff

rechts: Anna Maria Jakobine Stock
 


Der fast einundzwanzigjährige Ludwig Ferdinand Huber holte mich ab und führte mich zu meinen sichtlich aufgeregten weiblichen Verehrerinnen, den Schwestern Anna Maria Jakobine, genannt Minna und Johanna Dorothea Stock, genannt Dora oder Doris, die mich teils ängstlich, teils voller Erstaunen ansahen. Wie die Vorstellungskraft so manches Mal trügt, hatten sich diese den Dichter der Räuber wohl ganz anders vorgestellt, mit Kanonenstiefeln und Sporen, den rasselnden Säbel an der Seite.
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Ludwig Ferdinand Huber. Quelle: Könnecke 1905
 



Und da stand ich nun, schüchtern, rotblond, blauäugig und mit Tränen in den Augen. Ich brachte vor Rührung kaum ein Wort heraus, doch das legte sich bald, denn schon beim ersten Besuch wich die Befangenheit und eine gewisse Vertrautheit stellte sich ein. Immer wieder wiederholte ich, wie dankbar ich sei, und, dass mich die Möglichkeit, hier sein zu dürfen, zum glücklichsten Menschen gemacht hätte.
 
Da standen sie nun vor mir, die, die ich nur durch Ihre Briefe kannte, und eine Art von Seligkeit durchfuhr mich, die ich seit meiner Kindheit nicht mehr gespürt hatte. 
 
Dora, Hubers Verlobte, war vier Jahre älter als er und hatte die künstlerische Ader ihres Vaters, dem verstorbenen Kupferstecher Stock, geerbt. Sie war es, die für mich seinerzeit die vier Freunde gezeichnet hatte, denn sie liebte es, bestimmte Szenen aufs Papier zu bannen. Klein von Gestalt, mit schönen, ausdrucksvollen Gesichtszügen, überraschte sie ihre Zuhörer oft mit einem treffenden, manchmal auch bissigen Humor.
 
Minna Stock, ihre zwei Jahre jüngere Schwester, vom Äußeren von schönerer Gestalt und viel anziehender als sie, war die Braut des sächsischen Konsistorialrats Gottfried Körner. Beide Frauen liebten die Musik und die Dichtung und waren angenehme, liebevolle Gastgeberinnen.
 
Bei ihrem Vater hatte seinerzeit Goethe als 16-jähriger Leipziger Student die Kunst des Radierens und Holzschneidens geübt. 

Huber war ein liebenswürdiger, vielseitig begabter Mann, der sich eigentlich mit französischen Übersetzungen beschäftigen sollte, da er die Sprachbegabung des Vaters geerbt hatte, jedoch mehr Interesse an Freundschaftspflege und Liebe zeigte. Seine Mutter war Französin und der Vater bayerisch, bäuerlichen Ursprungs, welcher jetzt in Leipzig als Übersetzer der französischen Sprache tätig war.
 
Ich hatte Huber bereits vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlossen, was er, der sehr anlehnungsbedürftig war, auch sogleich erwiderte. Alle waren mir lieb, und ich freute mich bereits auf die Rückkehr Körners, der beruflich in Dresden leider noch nicht abkömmlich war.
 
So blieb mir genügend Zeit, Leipzig etwas genauer zu erkunden, und ich stürzte mich in den Messetrubel. Das tägliche Beisammensein mit meinen neuen Freunden machte mir sehr große Freude, doch insgeheim beneidete ich Huber um sein Verlöbnis. Alle wussten zu wem sie gehörten, nur ich hatte immer noch niemanden an meiner Seite.
 
Mit einem Male kamen die Erinnerungen an Mannheim und an Margaretha Schwan zurück, und ich sehnte mich danach, mein Glück zu vervollständigen. Ich hatte neue Freunde gewonnen, doch tief in meiner Seele blieb ich einsam.
Aus dieser Stimmung heraus, verfasste ich nach einer Woche einen Brief an den Verleger Schwan und hielt kurz entschlossen um die Hand seiner ältesten Tochter Margaretha an, der ich noch vor meiner Abreise versprochen hatte, den Kontakt beizubehalten und ihr regelmäßig zu schreiben.
 
Doch konnte ich nicht ahnen, dass Schwan seiner Tochter meinen Antrag und meinem Brief verschwieg. So wartete sie vergeblich und enttäuscht auf eine Nachricht von mir, denn als Schwan mir abschlägig antwortete und sein „Nein“ damit begründete, dass Margaretha von der Eigentümlichkeit ihres Charakters her nicht zu mir passe, brach ich den brieflichen Kontakt zu ihr ab. Margaretha konnte sich mein plötzliches Schweigen natürlich nicht erklären, und sie trauerte wochenlang um die verlorene Verbindung. Zu ihrem Vater hatte ich jedoch auch weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis.
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Leipzig im Nordwesten. Quelle: Wikipedia
 



So geht das Schicksal manchmal eigene Wege, und ich zerstreute meine anfangs trüben Gedanken bei meinen regelmäßigen Besuchen in „Richters Kaffeehaus“, einem Treffpunkt der literarischen Welt, wo ich unzählige neue Bekanntschaften machte, darunter den Musikdirektor und Komponisten Hiller, den Theaterdichter Jünger und den Schauspieler Reineke. An diesem Ort trafen sich die Einheimischen und die Fremden, und ich erhielt in kürzester Zeit, von verschiedenen Seiten, sehr attraktive Einladungen nach Berlin und Dresden.
 
Hier in diesem Kaffeehaus spürte ich zum ersten Male deutlich, welche Wirkung mein Name als Dichter, besonders als der der Räuber, auf die Menschen hatte. Viele, die erfuhren wer ich war, schwärmten wie die Fliegen um mich herum. Manch einer konnte gar nicht glauben, dass ich weder Kurierstiefel trug, noch eine Peitsche bei mir hatte, sondern wie ein ganz normaler Mensch aussah.
 
Körner war immer noch in Dresden, hatte mich aber zwischenzeitlich per Brief willkommen geheißen. Ein reger Schriftwechsel entstand, und mit jedem Brief wuchs die Gewissheit, dass ich in diesem Mann einen wirklichen Freund fürs Leben gefunden hatte. Es war eine Seelenverwandtschaft, eine enge Vertrautheit zwischen uns, und wir waren uns einig, dass wir gemeinsam die höchsten Ziele erreichen konnten.
 
Der Himmel hatte uns auf seltsame Art und Weise zusammengeführt und schien in unserer Freundschaft Wunder zu wirken.
 
Wie hatten wir uns beide schon von Jugend an nach einem wirklichen Freund gesehnt, nach einem Menschen, der unsere seelischen Bedürfnisse im tiefsten Herzen zufriedenstellte!? Diese Freundschaft gab uns gegenseitig Kraft. Ich fühlte mich wie im Paradies, und meine Glückseligkeit steigerte sich mit jedem neuen Brief Körners.
 
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Kaffeehaus Richter, Leipzig. Quelle: Piana. Friedrich Schiller. Volksverlag, Weimar.
 


 
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