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Wallenstein Vorstudien

Mit neuen Zielen vor Augen begaben wir uns an die Arbeit. Goethe, der sein Werk „Herrmann und Dorothea“ bereits dem Ende zuführte, kam im Februar für längere Zeit nach Jena, und ich begann mit den Vorstudien zum Wallenstein. Es wurde uns zum täglichen Bedürfnis, die Fortschritte miteinander auszutauschen und auch die Gedanken des anderen in das eigene Werk mit einfließen zu lassen.
 Weimarer_Klassik

Schiller, Wilhelm und Alexander von Humboldt und Goethe in Jena. Quelle: Wikipedia
 



Wilhelm von Humboldt und seine schwangere, fast immer kränkelnde Frau Karoline waren am 1. November 1796 von Berlin zurückgekehrt und am 19. Januar 1797 war Theodor geboren worden.
 
Auch Wilhelm von Humboldts Bruder Alexander lebte nun für kurze Zeit bei ihnen und gesellte sich zu unserer Runde. Wenn sich Goethe in Jena aufhielt, kam er täglich spät nachmittags zu uns, und so fehlte es uns nicht mehr an interessanter Unterhaltung. Lotte war glücklich, wenn ihre Schwester, Karoline von Humboldt und die Kinder um sie waren, und ich hatte tausendfachen Genuss an den ständig wechselnden geistigen Anregungen, woran es mir in diesem schönen Kreise nie mangelte.
 
Gegen Ende April verließen die Humboldts die Stadt und begaben sich auf eine große, zweijährige Reise. Wir waren uns klar darüber, dass sich durch diesen Fortgang vieles zwischen uns verändern würde, so auch der schriftliche Gedankenaustausch, der nach und nach versiegte, weil sich Wilhelm von Humboldt größtenteils im Ausland aufhielt.
 
Unseren neugeborenen Sohn Ernst hatte Lotte anfangs zu stillen versucht, doch nach einiger Zeit musste sie die Ernährung auf Kuhmilch umstellen, die der Kleine nicht vertrug. Er reagierte mit heftigen Krämpfen und massiven Durchfällen, erholte sich jedoch schnell und überstand auch die Impfung gegen die Blattern nach einigen Komplikationen relativ gut, die durch den Durchbruch der ersten Zähne entstanden waren.     
 
Die schleppenden Fortschritte meiner Arbeit machten mir klar, dass der Wallenstein mich den ganzen Winter und auch den folgenden Sommer kosten würde. Der Stoff war widerspenstig und verlangte eine heldenhafte Ausdauer von mir, denn ohne ein genaues Studium der Zeitgeschichte, war dem Gegenstand nicht beizukommen.
 
Die Vorstudien der Thematik hatten zumindest die Eignung zur Tragödie bestätigt, doch noch immer lag das Werk formlos in seiner gewissen Endlosigkeit vor mir. Als zweiten Hauptcharakter für den Wallenstein hatte ich den Max Piccolomini gewählt, weil mir diese erfundene Person wegen ihrer Gradlinigkeit überaus sympathisch war. Es war ein schwieriges Unterfangen, diese politische Geschichte mit ihren vielen zerstreuten Handlungen und ihrer kalten und trocknen Zweckmäßigkeit zu einer poetischen Größe zu treiben, und ich befürchtete, dass der Entwurf durch Ungeschicklichkeit doch noch misslingen könnte. Mir wurde klar, dass ich diesem Stoff auf gewöhnlichem Wege nicht beikommen konnte, sondern ich musste ihn durch eine kunstvolle Handlung zu einer schönen Tragödie formen.
 
Solange ich mir über den genauen Ablauf des Dramas selber unsicher war, wollte ich auf gar keinen Fall mit Goethe darüber sprechen, der schon sehr interessiert auf Neuigkeiten von mir wartete. Das Werk sollte in seiner Idee so gefestigt sein, dass Goethe mich hierin nicht mehr beirren konnte, weil das Gebiet der reinen Darstellung für mich ein völlig neu zu erschließendes war. Erst Ende Februar war ich bereit, ihm den geplanten Ablauf der ersten drei Wallenstein Akte zu präsentieren.
 
Doch dabei blieb es zunächst, denn meine Studien führten mich zurück zu Shakespeares Werken und zur alten griechischen Tragödie, um Vergleichbares zu finden. So wenig mich die eigentliche Historie in ihrer kalten Präsenz anzusprechen vermochte, umso mehr legte ich alle künstlerische Liebe und Wärme in meine Arbeit, besonders was die Gestaltung der einzelnen Charaktere betraf.
 
Goethe arbeitete tagsüber im Jenaer Schloss; erst Ende März kehrte er nach Weimar zurück.    
 
Seit Wochen hielt mich das üble Wetter in der Wohnung gefangen, und ich spürte die nasskalte Witterung in meinem schmerzenden Nervenkostüm. Zu allem anderen Elend wurde ich von einem Zahngeschwür geplagt, und das bereits seit neun Tagen.
 
Goethe hatte mich nach Weimar eingeladen, doch ich scheute mich davor, das Haus zu verlassen.


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