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Bühnendichter in Mannheim
Vertrag und Sumpffieber
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                                                    Friedrich Schiller. Mannheimer Zeit. Gemälde von Johann Joseph Friedrich Langenhöffel Quelle: Piana. Volksverlag, Weimar

Viele Monate der Abgeschiedenheit in Bauerbach lagen hinter mir, doch war es weniger eine Zeit der Kreativität, als eine des Nachdenkens für mich gewesen. Hier gab es nichts, was mich antrieb, nichts was mich anspornte. Um mich in eine poetische Stimmung versetzen zu können, fehlten die Herausforderung, die Inspiration und der Gedankenaustausch. Nur durch menschliche Gesellschaft war diese zu wecken.
 
Meine Luise Millerin war immer noch unvollendet. Allein durch die Vorbereitungen für den Empfang Frau von Wolzogens war viel Zeit verloren gegangen. Nun, als im Raume stand, dass ich fortgehen würde, arbeitete ich verbissen an der Fertigstellung. Schon des Morgens um fünf Uhr in der Frühe saß ich über meiner Arbeit.
 
Auch Reinwald hatte mir dazu geraten, Bauerbach so schnell wie möglich zu verlassen, und er schlug mir vor, mit ihm zu Pfingsten nach Gotha und Weimar zu reisen. Doch wie sollte ich mich in den Kreisen der dort lebenden bedeutenden Männer fühlen? Da ich selber noch völlig unbedeutend und unreif war, hätte ich dort nur einen untergeordneten Platz einnehmen können. Aus dem Grunde sagte ich ihm ab, auch, um die Luise Millerin endlich fertig zu stellen.
 
Zwischenzeitlich war der Kontakt zu meinem einstigen Weggefährten Streicher nicht abgebrochen, denn er war in Mannheim geblieben und immer noch im Dienste des Hauses Stein tätig.
 
Über die bevorstehende Beendigung meines neuen Werkes hatte er von mir Nachricht erhalten und diese zwischenzeitlich in den mir bekannten Kreisen verbreitet.
 
Das neue bürgerliche Trauerspiel weckte allgemeines Interesse, und auch dem Freiherrn von Dalberg war diese Neuigkeit nicht verborgen geblieben. Seit dem letzten Winter hatte dieser nicht allzu viel Freude an seinem Theater gehabt, denn keines der dort gespielten siebzehn Stücke war von Erfolg gekrönt gewesen. Sie waren offenbar zu mittelmäßig, um ein größeres Interesse zu wecken.
 
In ständigem Kontakt mit den Eltern stehend, hatte ich erfahren, dass der Herzog meine Stellung als Medikus bereits neu besetzt hatte. Ich schien für ihn gar nicht mehr vorhanden zu sein, wenn er mich auch einen „Undankbaren“ schalt. Der Besuch zweier deutscher Prinzen hatte zur Folge, dass diese dem Herzog von meinem erworbenen Ruhm berichteten, und dass er stolz sein müsse auf die Ehre, die ich ihm als Erzieher damit mache. Der Herzog schien meine Talente durchaus zu schätzen, war aber gerade deshalb umso mehr verbittert über meine Flucht.
 
Da von Seiten der württembergischen Regierung anscheinend keine Anstalten zur weiteren Verfolgung meiner Person gemacht wurden, konnte der Geheimrat Dalberg, als hochgestellter Beamter, nun wieder unbeschadet mit mir in Kontakt treten.
 
So erkundigte er sich bei mir über den Stand meines neuen Dramas, über welches die Schauspieler schon so viel Gutes zu berichten wussten. Da ich Frau von Wolzogen einst hoch und heilig versprochen hatte, niemals wieder selbst an Dalberg heranzutreten, um ihn um eine Anstellung oder Sonstiges zu bitten, blieb ich diesem Versprechen treu.
 
Es war mir eine innere Genugtuung, dass Dalberg nun höchstpersönlich an mich schrieb. Ich antwortete ihm so gleichgültig wie ich nur konnte, denn ich wollte nicht den Anschein erwecken, dass ich ihn nötig hätte. 
 
„Es muss in Mannheim sicherlich etwas Schreckliches geschehen sein, dass dieser Mensch sich jetzt bei mir meldet!“, schrieb ich scherzend an Meyer.
Bevor ich Dalberg einen Brief schrieb, ließ ich ihn eine Weile auf eine Antwort warten. Ich wollte von ihm wissen, ob er nach dem kürzlich misslungenen Versuch immer noch meiner dramatischen Feder vertrauen würde und sagte ihm in klaren Worten, dass ich ihm mein Werk nicht wieder auf Gedeih oder Verderb ausliefern würde.
 
Ich wies ihn schon im Vorfeld auf die Eigenheiten des neuen Stückes hin. Sollte er es für sein Theater unbrauchbar finden, so wollte ich es lieber zurückbehalten. Dalberg schien nicht abgeschreckt, sondern setzte die Korrespondenz fort, wobei er mir nahelegte, wieder nach Mannheim zurückzukehren.
 
Es war Anfang Juli, und Charlotte stand im Begriff nach Hildburghausen zurückzukehren. Das klärende Gespräch mit Frau von Wolzogen immer noch im Bewusstsein und Dalbergs Anfrage vor Augen, fasste ich schließlich den Entschluss, Bauerbach in der letzten Julihälfte zu verlassen und nach Mannheim zu reisen. Da es lediglich ein kurzer Aufenthalt werden sollte, nahm ich nur wenig Gepäck mit auf die Reise.
 
Nachdem ich die Kutsche zur Abfahrt bestiegen hatte, wurde mir schwer ums Herz, denn ich vermisste meine Freundin schon jetzt aufs Schmerzlichste. Ich wurde nicht müde, ihr meinen desolaten Gemütszustand in zahlreichen Briefen mitzuteilen.
 
Wenn sie mich verdächtigt hätte, dass ich sie für immer verlassen würde, wäre dies einer Gotteslästerung gleichgekommen! Meine Stimmung war niedergedrückt, denn ich trug meine „Übermutter“ in meinem Herzen, wie ich mich selbst von der Hand Gottes getragen wünschte. Später schrieb ich ihr aus Mannheim, dass sie die erste Person gewesen sei, an der mein Herz mit reiner, unverfälschter Liebe hing. Nur der Gedanke an sie hielt mich später oftmals davon ab, mich auf leichtfertige Liebschaften einzulassen, die mir im Grunde nichts bedeuteten. Den Platz in meinem Herzen hielt sie lange Zeit besetzt, denn seitdem ich sie kannte, war die Leichtfertigkeit in Liebesdingen aus meiner Seele gewichen und hatte einer gewissen Seriosität Platz gemacht.
 
Am 27. Juli 1783 kam ich erschöpft von meiner Reise in Mannheim an und wurde bereits von Herrn und Frau Meyer erwartet. Ich freute mich, sie wieder zu sehen, denn acht Monate waren mittlerweile seit unserem letzten Treffen vergangen. Meinem Freund Streicher hatte ich nichts über meine Anreise verraten, denn ich wollte ihn überraschen. Wie gewöhnlich, traf er zur bestimmten Stunde bei Meyer ein und traute natürlich seinen Augen kaum, als ich ihm mit heiterem Gesicht und erholtem Aussehen entgegentrat.
 
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                                                                                                                               Hubertushaus Mannheim

Für relativ wenig Geld hatte Meyer mir ein Zimmer mit Kost und Logis im Hubertushaus neben dem Schlosshof besorgt, und ich genoss die schöne Aussicht, die sich mir dort bot. Ich überschlug meine Finanzen, und da ich lediglich 15 Taler meines Reisegeldes als Rest in den Händen hielt, blieben nach Abzug der 5 für die Rückreise höchstens 10 für die nächsten drei Wochen.
 
Diese musste ich einteilen, so gut es ging. Das Leben hier war sehr teuer. So hatte ich auch einen besonderen Posten für Perückenmacher, Postgeld, Wäsche und Tabak einzuplanen. Es blieb ein spärlicher Rest für Unterkunft und Essen.
Die folgenden vierzehn Tage verbrachte ich mit Warten, denn Dalberg kam von seiner Reise aus Holland erst am 10. August zurück, Iffland weilte in Hannover, und einige der anderen Schauspieler hatten Urlaub. Am Theater wurden mit minimaler Besetzung Alltagskomödien gezeigt, die dem Geschmack der Kurfürstin und des gerade anwesenden Herzogs von Zweibrücken zugeschrieben waren.
 
So viele verschiedene Bilder stürzten auf mich ein, dass sie wie ein Sturm über mich hinwegzufegen schienen. Wie wehmütig dachte ich an die Ruhe in Bauerbach zurück und wünschte mir die Stille des Landlebens herbei. Meine Empfindungen teilte ich sogleich Frau von Wolzogen mit und träumte mich weit fort von dem hiesigen Menschengewühl. Sehnsuchtsvoll trieben meine Gedanken in unsere Hütte im Garten – wäre ich doch nur schon wieder dort! Am Liebsten hätte ich mich im Moment von jeder Gesellschaft abgewandt, denn Schwermut umklammerte mein Herz.
 
Nur träumen und weinen wollte ich, fühlte ich mich doch trotz der vielen Menschen einsamer als je zuvor. Meine geliebte Freundin war so weit entfernt von mir, so weit, dass es mich quälte, und auch die Bequemlichkeiten, die sie mir geboten hatte, vermisste ich aufs Schmerzlichste.
 
Endlich war Dalberg zurück, und ich traf ihn im Theater, woraufhin er mich einen Tag später zu sich einlud. Er behandelte mich mit großer Achtung, ganz anders als im Jahr davor. Doch ich war gewarnt, war mir doch immer noch sein unkalkulierbares Verhalten im Gedächtnis geblieben. Sicherlich wäre ihm mein weiterer Aufenthalt in Mannheim lieb, solange es ihn nichts kostete, und ich dachte wieder an das Versprechen, das ich in Bauerbach gegeben hatte.
 
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                                                                                     Dalbergs Wohnung in Mannheim. Quelle: Piana. volksverlag, Weimar

Dalberg hatte sich entschlossen meinen Fiesko aufzuführen, sobald er umgearbeitet war, und die Luise Millerin wurde in großer Runde unter der Leitung von Dalberg vorgelesen, wo das Stück beachtlichen Beifall fand.
Besonders mit dem Verleger Schwan unterhielt ich häufige Kontakte, denn in seinem Hause machte ich Bekanntschaften, die mir sehr hilfreich werden konnten. Schwan hatte ich meine Luise Millerin vorgelesen, und er hatte sich sehr zufrieden darüber geäußert.
 
Zu meiner Freude konnte er mir Briefe zeigen, aus denen ersichtlich war, dass mir Christoph Martin Wieland, einer der Größen in Weimar, sehr zugetan war und große Stücke auf mich hielt. Trotz der positiven Resonanz dachte ich noch immer an eine baldige Abreise, denn nichts auf der Welt schien mich hier fesseln zu können.
 
Doch dann erhielt ich eine Nachricht, die alles änderte! Frau von Wolzogen teilte mir mit, dass der frühere Bewerber um Lotte nach Bauerbach gekommen sei, um dort zwei Monate zu verbringen. Lag es in ihrer Absicht, mich fernzuhalten, oder war es der Zufall, der hier ein Schreckgespenst aufstellte? Gewiss war nun, dass ich vorläufig nicht zurückkehren konnte.  
 
Als Dalberg mir genau zu diesem Zeitpunkt ein Angebot machte, an seinem Theater zu arbeiten, willigte ich ein und war ab dem 1. September 1783 als Theaterdichter in Anstellung.
 
Christoph_Martin_Wieland_by_Jagemann_1805                                                                     Christoph Martin Wieland. Gemälde von Ferdinand Carl Christian Jagemann, 1805. Quelle: Wikipedia

Ein Jahr sollte ich für das Theater arbeiten und musste neben Fiesko und Luise Millerin noch ein weiteres Stück abliefern. Dafür wurde ein Gehalt von 300 Gulden festgelegt, von welchem ich einen Abschlag über 200 Gulden sofort ausgezahlt bekam. Außerdem sollte ich von jedem Stück, das gespielt wurde, einmalig die Einnahmen erhalten. Welche Vorstellung ich dafür auswählte, blieb mir überlassen. Später wurde das Entgelt in ein Fixum von 500 Gulden umgewandelt.
 
Dieser Vertrag war alles andere als gut, denn die Schauspieler verdienten das Drei- oder sogar Vierfache. Es wurde zusätzlich festgelegt, dass ich mich während der heißen Sommermonate außerhalb Mannheims aufhalten könnte – dabei dachte ich natürlich an Bauerbach. Zu alledem stand es mir frei, meine Stücke drucken zu lassen oder an andere Theater zu verkaufen.
 
Nun konnte ich endlich damit beginnen, meinen Schuldenberg zu tilgen. Ein Vorhaben, das wegen der vielen Gläubiger nicht einfach war. Aber ich wollte ein ehrlicher Mann bleiben! Innerhalb eines Jahres war es für mich nun theoretisch möglich, bis zu 1.400 Gulden einzunehmen. Die Einnahmen für meinen Fiesko und die Luise Millerin hatte ich bereits zur Hälfte Frau von Wolzogen versprochen, da ich sie ohnehin schon vertröstet hatte.
 
Ich plante, meine Schwestern anreisen zu lassen und hier für vier Wochen unterzubringen. Während ihres Aufenthaltes sollten sie mir Hemden fertigen und Strümpfe stricken. Ich musste mich auf den Winter einrichten. Meine Unterbringung nahm einen Großteil meiner Finanzen in Anspruch, so dass ich meiner Freundin die versprochene Rückzahlung von 500 Gulden weiterhin schuldig bleiben musste.
 
Meine Stimmung erhellte sich ein wenig, und die glücklichen Momente verstärkten sich, als eine Aufführung der Räuber vor vollem Hause mit großem Erfolg stattfand.
 
Die Zahl der Verehrer wuchs, unter ihnen auch Margaretha Schwan, die Tochter meines Verlegers, die mir zuweilen Gesellschaft leistete. Doch die tiefe Seelenverbundenheit mit Frau von Wolzogen war ein mächtiges Gegengift gegen alle Verführung.
 
Bereits auf meiner Reise nach Mannheim hatte ich mit den Auswirkungen einer entsetzlichen Hitzewelle zu kämpfen, die mir auch im August schwer zu schaffen machte. Trotz einiger schwerer Gewitter, die sich mit gewaltigen Wassermassen entluden, blieb die zunehmende Schwüle wie eine Glocke über der Stadt hängen. Die rings um die Stadt angelegten Festungsgräben waren völlig versumpft, was bei der anhaltenden Hitze übel riechende Dünste und Epidemien freisetzte.
 
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                                                                                                      Historischer Stadtplan von Mannheim um 1750

In der zweiten Augusthälfte erkrankte ich schließlich an der in Mannheim bereits seit acht Wochen wütenden Seuche. Es war ein malariaartiges Sumpf- und Wechselfieber, das bereits 6.000 von 20.000 Menschen in der Stadt heimgesucht hatte. Auch Meyer, dem ich sehr viel verdankte, war zwischenzeitlich daran verstorben, weil ihn der Theaterarzt falsch behandelt hatte.
 
Schon drei Wochen lag ich krank an mein Bett gefesselt, zwar ohne Lebensgefahr, wie mir ein anderer Arzt versicherte, jedoch völlig kraftlos, und ich fühlte mich entsetzlich mitgenommen.
 
Täglich hatte ich wenigstens einen Anfall durchzustehen, und aufgrund des heftigen Kopfschmerzes war mein Gehirn unfähig, auch nur den kleinsten Gedanken zu entwickeln. Die einzelnen Anfälle wechselten zwischen Schüttelfrost, Hitze- und Schweißstadium. Oft stieg das Fieber über 40 Grad Celsius. Danach fiel ich in einen langen, erholsamen Schlaf, der meinen Puls beruhigte und mein Atmen wieder leichter machte. Ich ließ mir Chinarinde per Express aus Frankfurt besorgen und nahm vor jedem Anfall eine große Dosis zu mir, solange, bis die Anfälle ohne Chinin nicht mehr auftraten.
 
Seit dem letzten Brief an meine Freundin war ein Monat vergangen, und sie machte sich inzwischen große Sorgen um mich. Endlich hatte ich das schlimmste Stadium der Krankheit überwunden, und ich konnte ihr schreiben, dass ich auf dem Wege der Besserung sei.
 
Obwohl ich in meiner Unterkunft aufs Beste versorgt wurde und jederzeit Hilfe bereit stand, waren die Gedanken an Bauerbach das Einzige, was mich in diesen schweren Tagen am Leben hielt.
 
Viel Angenehmes und Schmeichelhaftes hatte ich in Mannheim erfahren, doch waren es Oberflächlichkeiten, die nie den Grund meines Herzens erreichten. Dieses war seit meinem Abschied kalt und leer. Meine Seele war in Bauerbach geblieben. Noch später dachte ich oft, dass dort die glücklichsten Tage meines bisherigen Lebens gewesen waren, die vielleicht dergestalt niemals wiederkehren würden.
 
Fünf Wochen lang war ich völlig unfähig zu arbeiten, und so sehr Dalberg auch drängte, ich konnte mit meinem kranken Hirn keine Leistung vollbringen. Aufgrund der wenigen Erholungsphasen verließ mich das Fieber den ganzen Winter nicht, und je dunkler meine Gedanken wurden, umso stärker wurden die Anfälle.
 
Fieberrinde und eine strenge Diät hatte ich mir selbst verordnet, und, wie die schon bei meinen Patienten im Regiment gefürchteten Rezepturen, viel zu hoch dosiert. Zwischendurch, wenn ich mich stark genug fühlte, besuchte ich Schwan und Dalberg. Ebenso wenig gelang es mir, mich dem privaten Verkehr mit den Schauspielern gänzlich zu entziehen.
 
Die Witwe Meyer hatte mir ein preiswertes Krankenessen besorgt, und auch ihre hübsche Schwester stand mir hilfreich zur Seite. Während meiner Krankheitsphasen blieb mein Krankenzimmer selten ohne Besuch.
Dalbergs Drängen wurde entsetzlich für mich, und ich versuchte seine Erwartungen, trotz erheblicher Kopfschmerzen, mit überdosiertem Chinin, irgendwie zu befriedigen.
 
Auch das Publikum wartete auf meine Werke, und ich fügte meinem schwachen Körper in diesem Winter einen Schaden zu, von dem er sich nie wieder ganz erholen sollte.
 
Das Leben in der Stadt blieb teuer und hatte bisher 250 Gulden verschlungen. Überall stand ich in der Kreide, und zu allem Übel wurde mir aus meinem Zimmer ein höherer Geldbetrag gestohlen. Dies war ein Grund für mich, mir eine neue Unterkunft zu suchen. Meine Schwestern hatte ich wegen des Geldmangels und der zu hohen Kosten auf beiden Seiten nicht anreisen lassen können, und auch meiner Mutter war aus diesem Grunde ein Besuch nicht möglich gewesen. Vor dem nächsten Frühjahr war daran nicht zu denken, und ich fühlte mich verlassen und alleine wie schon lange nicht mehr.
 
Mitte November 1783 wurde ich aufs Angenehmste überrascht, als es plötzlich an meiner Türe klopfte und zu meinem freudigen Schrecken die Professoren Abel und Bach, Freunde aus meiner Stuttgarter Akademiezeit, in mein Zimmer traten. Unsere Worte überschlugen sich - so viele Fragen und Erzählungen tauschten wir aus, und obwohl ich noch krank war, bewirtete ich die beiden, so gut ich konnte. 
 
Schon bald bezog ich mein neues, teureres Quartier im Hause des Baumeisters Anton Hölzel und lebte nun wieder vereint unter einem Dach mit meinem einstigen Weggefährten Streicher. Diesem blieb ich wohl in vielen Dingen ein Rätsel, besonders in punkto Ordnung. Konnte er doch manches Mal das chaotische Durcheinander meines Zimmers nicht verstehen.
 
Es war für mich eine Quälerei, mich mit diesen mir unwichtig erscheinenden Dingen beschäftigen zu müssen. So nahm ich die ständige Unordnung um mich herum gar nicht mehr wahr. Meine Kleidung, die Wäsche und meine Räumlichkeiten in Ordnung zu halten, lag nicht in meinem Sinn. So lag alles, ohne einen festen Platz zu haben, in meinem Zimmer herum, und manches Mal waren auch Dinge darunter, die man gewöhnlich voller Scham vor fremden Augen schützen sollte.
 
Ich war aufgrund des Termindrucks und meiner Krankheit hektisch und gereizt. Oft fand mich Streicher in einem geistesabwesenden Zustand vor, denn ich war derart mit meiner Dichterei beschäftigt, dass ich ihn gar nicht wahrnahm, wenn er das Zimmer betrat. Oftmals fand er mich unausgekleidet, schlafend in meinem Sessel sitzend, wie in einer Totenstarre, vor mir ganze Seiten voller Kritzeleien. Ich hatte die Angewohnheit Männchen und Rösser zu malen, wenn die Ideen ausblieben. So quälte ich mich durch die Umarbeitung des Fiesko. Mitte Dezember war sie fertig, und ich übergab die Reinschrift an Dalberg.
 
Am 11. Januar 1784 wurde das Stück bei der Eröffnung der Karnevalsveranstaltungen in Mannheim erstmals aufgeführt. Doch blieb das Ganze weit hinter den Erwartungen aller zurück, obwohl manche Szenen lautstark bewundert wurden. Anders als Die Räuber wurde das Stück vom Publikum nicht verstanden, denn hinter dem Begriff „Republikanische Freiheit“ standen hierzulande leere, nichts sagende Worte.
 
Die Mannheimer behaupteten, das Stück sei viel zu gelehrt für sie. Deshalb wurde es hier nur zweimal aufgeführt. Danach verschwand es für lange Zeit vom Spielplan. Doch nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Schauspieler schienen mit der ausdrucksstarken, poetischen Prosa überfordert zu sein; was ich bereits bei den Proben bemerkt hatte.
 
Obwohl ich alles dafür getan hatte, um das Stück weniger gekünstelt und spitzfindig, sondern dafür freier, einfacher und theatralischer wirken zu lassen, blieb es für den gewöhnlichen Betrachter immer noch zu anspruchsvoll.
Die große, freie Moral des Stückes, die in allen meinen Werken erkennbar ist, stand stets wie eine göttliche Macht im Hintergrund.
 
Ein gewisser Plümicke, ebenfalls Theaterdichter, hatte bereits in Berlin erfolgreich meine Räuber als Persiflage an das Theater geliefert, denn ein Autorenschutz existierte damals nicht. Diese sentimentale, romantische Räuber-Fälschung war an den norddeutschen Bühnen ein Erfolg geworden. Deshalb ließ ich eine Anzeige drucken, in der alle Theatergesellschaften angehalten wurden, sich direkt an mich zu wenden, sollten sie Interesse an meinem unverfälschten Fiesko haben. Doch wieder hatte Plümicke völlig unverblümt auch den Fiesko für das Berliner Publikum umgearbeitet.
 
Zwischenzeitlich wurde ich zum Mitglied der „Kurfürstlich Deutschen Gelehrten Gesellschaft“ ernannt, der Dalberg als Präsident vorstand. Leider unterlag ich fälschlicherweise dem Irrtum, nun rechtmäßiger kurpfälzischer Untertan zu sein. Die Verbindung brachte mir lediglich Kontakte zu angesehenen Männern und Gelehrten und den Zugang zur kurpfälzischen Bibliothek. Noch dazu wurden Aufsätze für die Jahrbücher der Gesellschaft bogenweise mit drei Dukaten honoriert.
 
Hilfreicher wäre es mir vielleicht gewesen, wenn ich mich einer der Freimaurerlogen angeschlossen hätte. Bereits Anfang September hatte mich ein reisender Maurer besucht, ein Mann von verborgenem Einfluss und tiefgehenden Kenntnissen dieser Gemeinschaft. Er bat mich damals inständig, ihn über jeden Schritt zu informieren, sollte ich vorhaben, einer Loge beizutreten. Auch sagte er mir, dass ich bereits auf verschiedenen Freimaurerlisten stünde, und dass sich ein Beitritt sicherlich auszahlen würde. Jedoch maß ich seiner Ausführung keine besondere Bedeutung bei.
 
 
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