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Wieland und Herder

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Christoph Martin Wieland, Gemälde von Ferdinand Carl Christian Jagemann, 1805. Quelle: Wikipedia
 

Wieland hatte auf mein Bittgesuch geantwortet und erwartete mich bereits am späten Dienstagnachmittag. Er lebte ziemlich isoliert, nur mit seinen Schriften, gemeinsam mit seiner Frau und seinen neun Kindern. Von letzteren wurde ich empfangen, und ich hatte einige Mühe, bei dem Gedränge zu Wieland zu gelangen. Ich war ihm bereits bekannt, denn schon im Jahre 1782 hatte ich ihn über Schwan um eine Beurteilung meiner Räuber ersucht. Wieland war in Weimar ein Mann von großem Einfluss, und ich legte besonderen Wert auf seine Meinung, weil ich mich zu seinen größten Bewunderern zählte.
 
Damals lobte er mich als einen Mann von seltenem Genie, mit allen Anlagen zu einem großen, dramatischen Dichter, lehnte jedoch meine Räuber ab, weil er sich der alten Bühnentradition verbunden fühlte. Ich hatte den Ehrgeiz, ihn für mich und meine Werke zu gewinnen, denn das würde mir gewisse Vorteile für mein weiteres Vorwärtskommen verschaffen. Der Herzog Karl August machte seine Unterstützung von Wielands Urteil abhängig.
 
Aus dem Samen unseres ersten Zusammentreffens erwuchs ein Vertrauensverhältnis, das in Zukunft noch reifen sollte.
 
Obwohl der Altersunterschied mit sechsundzwanzig Jahren beträchtlich war, bestand sofort eine gegenseitige Sympathie. Er gewann bei mir durch seine herzliche, warme Ausstrahlung und betrachtete fast wehmütig meine siebenundzwanzig Jahre und die genügende Zeit, die mir bleiben würde, um meine Ziele zu verwirklichen. Wir wollten gegenseitig positiv auf einander einwirken; er wäre zwar alt, aber nicht unverbesserlich. Seine Familie wollte er mir bei meinem nächsten Besuch vorzustellen, denn er war in Eile, weil er wie jeden Montag in den `Club der Bürgerlichen’ gehen wollte, in welchen er mich am Liebsten gleich eingeführt hätte.
 
Doch ich war mit Charlotte von Kalb zum Spaziergang verabredet und sagte Wieland zu, dies am nächsten Montag gerne nachholen zu wollen.
 
Ich war angenehm überrascht und erleichtert, als ich zu Charlotte zurückkehrte. Einige Bekanntschaften hatte ich durch sie bereits gemacht. Der Graf zu Solms-Rödelheim, der sich auf einer Bildungsreise befand, war mir vorgestellt worden. Ich hatte mich sehr angeregt mit ihm unterhalten. Er verkehrte vor allem im Hause des Schriftstellers Ludwig von Knebel und war über diesen mit Wieland und Herder bekannt gemacht worden. Hinzu gesellte sich eine Frau Luise Franziska Sophie von Imhoff, die Gattin des Freiherrn von Imhoff und Schwester der Charlotte Albertine Ernestine von Stein, einer Freundin Goethes.
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Haus an der Esplanade No. 18. Quelle: Könnecke 1905
 



Frau von Imhoff hatte sich angeboten, mir bei der Suche einer Logis behilflich zu sein. Mit ihrer Hilfe konnte ich am 24. Juli für drei Monate eine Wohnung im Hause an der Esplanade No. 18 mieten, die ich am 28. Juli bezog. Das Haus lag an einer Allee und erinnerte mich an Körners Wohnung in Dresden. Die Räume waren möbliert und vormals von Charlotte von Kalb bewohnt.

Am selben Tag besuchte ich Herder, der anscheinend lediglich meinen Namen kannte, jedoch sonst nichts weiter von mir wusste. Das fiel mir auf, weil er danach fragte, ob ich verheiratet sei. Herder war ein sehr ernsthafter, höflicher Mensch, der mir gefiel.
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Johann Gottfried Herder (Gemälde von Anton Graff, 1785) Quelle: wikipedia
 



Wir unterhielten uns lebhaft, besonders über Goethe, den er leidenschaftlich liebte, ja nahezu vergötterte. Dieser hätte großen Einfluss auf seine Bildung gehabt, erzählte er. Sehr angeregt sprachen wir über Weimar und die hier lebenden Menschen, über Politik und Philosophie, wobei er seine Abneigung gegen Immanuel Kant und dessen Geschichtsphilosophie nicht verbarg, aber auch über Schubart und den Herzog von Württemberg und das Schicksal, welches mich mit diesem verband. Herder machte kein Hehl daraus, dass er diese Art von Tyrannen hasste. Ich spürte, dass ich ihm nicht unsympathisch sein konnte, und er ließ mehrfach verlauten, dass er mich gerne öfter sehen würde.  
 
Herder lebte ebenfalls sehr zurückgezogen. Seine Frau sah ich an diesem Tage nicht. Vom Montagsclub hielt er nichts, weil dort nur gespielt, geraucht und gegessen würde, und eine Freundschaft zu Wieland schien er nicht zu unterhalten, war aber sicher, dass dieser der einzige sei, der seinem Geschmack entspräche.
 
Unsere Unterredung war feurig und geistvoll, doch Herder ließ durchblicken, dass es in seinen Empfindungen nur hell oder dunkel, nur Hass oder Liebe gab.
 
Ich verließ Herders großes, düsteres Haus mit durchaus positivem Eindruck, und ließ ihm ein Exemplar meines Don Carlos zukommen, über den er sich später als Erster in Weimar rühmend äußerte.
 
 
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