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Kant Studium und Kontakte


200px-Kritik_der_reinen_vernunft_erstausgabe

Baggesen, der mich in seiner Heimat als neuen Messias der Dichtung und ersten Erzieher der Menschheit verehrte und sich selbst als wandelnder Apostel für mich eingesetzt hatte, war ich zu ewigem Dank verpflichtet.
 
So galt es nun, meine neuen Freunde in Dänemark nicht zu enttäuschen. Um mich später auf künstlerischem Gebiet freier entfalten zu können, ging ich mit den guten Vorsätzen ins neue Jahr, meine Bildungs- und Wissenslücken zu schließen. Ich begann mit dem Studium der Kantschen Philosophie, deren vollständige Erarbeitung mich jedoch schätzungsweise drei Jahre kosten würde.
 
Zum Einstieg in diese Materie hatte ich mir bei Göschen und Crusius Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und „Kritik der praktischen Vernunft“ bestellt. Diese Lektüre hatte ich noch vor kurzem gescheut, weil sie mir zu schwer erschien, doch jetzt war es mein vorrangiger Wunsch, sie zu ergründen, auch weil ich das Studium derselben nun mit einer gesicherten finanziellen Grundlage im Rücken entspannter angehen konnte.
 
Reinhold hatte mir die Werke der Philosophen Locke, Hume und Leibnitz empfohlen, die ich nun gleichzeitig studieren wollte, um auch andere Betrachtungsweisen kennen zu lernen. Zu Reinhold bestand eine geistige Annäherung, jedoch keine Freundschaft, obwohl seine Anteilnahme an meiner Person und deren Entwicklung groß war.
 
Er konnte in meinem Umgang keine Befriedigung der Ansprüche finden, die er an eine wahre Freundschaft stellte. Ich strahlte im persönlichen Umgang wohl weniger Wärme aus, als in meinen Schriften. Doch schien ich ihm, durch das was ich ihm gab, durchaus wertvoll zu sein. Wir schuldeten uns gegenseitigen Respekt, obwohl unsere Charaktere grundverschieden waren und verstanden unsere Verschiedenheit in geistige Anregung umzusetzen.
 
Viel hätte ich darum gegeben, jeden Abend mit Körner über die tagsüber gelesenen Themen sprechen zu können, und ich freute mich schon jetzt auf die im Frühjahr geplante Reise nach Dresden.
 
Den Herzog von Weimar hatte ich über den Inhalt des Briefes meiner dänischen Freunde informiert. Er war sehr erfreut darüber, dass ich so tatkräftige Helfer im Ausland gefunden hatte und trotzdem meinen Aufenthalt in Jena fortsetzen wollte. Von der Schenkung hatte er bereits aus der Zeitung erfahren. Dies war mir sehr unangenehm gewesen, da ich dem Minister Schimmelmann strikte Geheimhaltung seines Namens versprochen hatte. Die Frankfurter Kaiserliche Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung hatte von der Schenkung berichtet, was sich wie ein Lauffeuer durch wiederum andere Blätter verbreitete.
 
Baggesen erfuhr von Reinhold von der Veröffentlichung und nahm dies irritiert zur Kenntnis, da er mich um Stillschweigen gebeten hatte. In meiner großen Freude über das Geldgeschenk hatte ich die Nachricht an Körner weitergegeben, ohne ihm zu sagen, dass er sie vertraulich behandeln solle. Er hatte sofort an Huber geschrieben, und so gelangte die Mitteilung an die Öffentlichkeit.
 
Mit einer Entschuldigung stellte ich meinen Fehler sofort bei Baggesen klar und hoffte auch bei Schimmelmann auf Verständnis.
 
Im Dezember 1791 hatte mich von Hardenberg besucht, der jetzt in Leipzig sein Studium fortsetzte. Ich ließ ihm über Göschen Grüße ausrichten, als ich diesem zur erneuten Vaterschaft Glück wünschte. Am 24. Dezember 1791 war Göschens drittes Kind zur Welt gekommen, zu dem noch sieben Geschwister folgen sollten. Ich hoffte, ihn bald in Leipzig wiedersehen zu können, denn ich wollte dies mit meinem geplanten Besuch in Dresden verbinden.
 
Ende Januar hatte ich nach einer längeren Schlittenfahrt einen weiteren heftigen Anfall, der mich mit hohem Fieber und starken Unterleibskrämpfen ins Bett zwang.
 
Mehrere Wochen litt ich an fürchterlich schmerzhaften Koliken, die mir meine zuvor gewonnenen Kräfte wieder raubten. Endlich, Mitte Februar, ließen die Schmerzen allmählich nach. Charlotte hatte mich dieses Mal alleine gepflegt und war nun gemeinsam mit ihrer Mutter, die in Begleitung von Beulwitz aus Rudolstadt gekommen war, am 20. Februar für einige Tage nach Weimar gereist.
 
Schon länger hatte ich den Kauf einer eigenen Kutsche erwogen, um täglich damit ausfahren zu können, was wiederum meiner Gesundheit zugute kommen sollte, doch musste ich mich im März auf den Kauf eines Pferdes beschränken. Es war ein rabenschwarzes, herrliches Pferd, das von niemandem zu halten war, auch nicht von mir. Gefährlich war es, auf ihm zu reiten, denn es liebte anscheinend wie ich die Freiheit, wenn es mit mir durchging, und ich kühn und ritterlich dahin zu sausen schien, obwohl das Pferd mit fliegender Mähne zu meiner einzigen Rettung seinen heimatlichen Stall aufsuchte und das im Galopp. Mein täglich geplanter Ausritt von zwei Stunden, den ich nur bei gutem milden Wetter wagen konnte, sollte mir aufgrund der körperlichen Erschütterung auf dem Rücken des Pferdes in freier Natur in zwei Monaten mehr bringen, als die Apotheke mit verdauungsfördernden Mitteln in zwei Jahren.
 
Doch konnte ich den Ausritt aufgrund der enormen Kälte, die seit einigen Tagen herrschte, nicht wagen und verkaufte das Tier bald wieder, auch wegen seines ungestümen Charakters


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