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 Die Räuber

 bopserwald

Schiller liest "Die Räuber" im Bopserwald (1) Nach einer Skzizze von Viktor von Heideloff, Quelle: Könnecke 1905
 



Das Stück Die Räuber geisterte durch meinen Kopf. Die Geschichte der zwei feindlichen Brüder beschäftigte mich seit langem. Gerade, als ich mein verstärktes Augenmerk auf meine Dissertation hätte richten müssen, schrieb ich Tag und Nacht, in jeder freien Minute, an meinem Trauerspiel.
 
Es sollte meine Eintrittskarte in die fremde Welt sein, die mir bisher verschlossen war. Von meinem Vater und vom Fürsten gleichermaßen unerwünscht, musste ich meine Aufzeichnungen im Geheimen betreiben. Nur meine engsten Freunde wussten davon. Es galt den Schein zu wahren. Mein Schreiben glich einem Euphorikum, das mich zu ungewöhnlichen Maßnahmen antrieb.
 
Entsetzt musste ich jedoch feststellen, dass meine Dissertation Philosophia Physiologiae: „Über den Unterschied zwischen entzündlichem und fauligem Fieber“ abgelehnt worden war. Um den Ausgang meines Studiums nicht erneut zu gefährden, schrieb ich im November 1780 eine zweite, mit dem Titel: “Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen.”, die alsdann anerkannt wurde.

Das nahm mir eine große Last von der Seele. Es fehlte mir an Ehrgeiz, den medizinischen Dingen auf den Grund zu gehen, doch ich verstand es gut, mein Desinteresse daran zu verbergen.
 
Mein eigentliches Ziel stets vor Augen, wurden von mir neue philosophische Gedanken geboren, soweit diese für einen bürgerlichen Intellektuellen schicklich waren. Dies tat ich sehr zum Gefallen meines Vaters, der meinen Werdegang mit großem Interesse verfolgte und sich stets über meine Fortschritte informieren ließ. Schließlich war ich der folgsame Sohn, der genau den zuvor projizierten Vorstellungen des Vaters entsprach. Zumindest nach außen hin machte ich diesen Anschein. Niemals ließ ich Vater ahnen, wie es in meinem Inneren aussah.
 
Je mehr sich meine Seele erhob, umso mehr flossen auch die Worte aus meiner Feder. Oft schrieb ich bei spärlichem Mondlicht bis zum Morgengrauen. Es war eine Auflehnung in mir, die nur in Worte gefasst bekämpft oder zugelassen werden konnte.
 
Meines Vaters bürgerliche Armut und die daraus erwachsenen beschränkten Lebensmöglichkeiten, mit denen ich ebenfalls tagtäglich in meiner Umgebung konfrontiert wurde, ließen mich innerlich aufschreien.
 
Immer mehr wurde mir unsere Abhängigkeit gegenüber dem Fürsten bewusst. Auf Gedeih und Verderb waren wir den Herrschenden ausgeliefert und ihnen stets derart unterlegen, dass wir für unser täglich Brot vor ihnen dankbar auf die Knie fallen mussten. Diese Welt ekelte mich an! Und meine Familie entsprach lange nicht der untersten Volksschicht.
 
In meinen Räubern war es mir vergönnt, meinen Seelennöten Luft zu machen. War es doch meine Art von Protest, den ich hier äußern konnte. Ich machte die schicksalhafte Ergebenheit deutlich, die Einfluss auf alle dargestellten Personen hatte.
 
Stellten hier doch die ausgebeuteten, einst ehrlichen Kaufleute und Schreiber, die, nach Verlust aller Habe, zu fast heldenhaft anmutenden Verbrechern avancierten, eine Alltagsflucht und den täglichen Existenzkampf dar, dem die Menschen zu meiner Zeit ausgesetzt waren. Autonom galt es dem Spießbürgertum und dem Absolutismus entgegen zu treten, obgleich dies damals nur auf dem Papier möglich war.
 
„Einer für alle und alle für einen!“ - Meine Phantasiegeschöpfe waren gefangen im Netzwerk ihrer eigenen Laster und gesellschaftlichen Strukturen. Deshalb gab es daraus letztendlich kein Entrinnen. Alle blieben auf der Strecke! Diese Darstellung war meine eigene Ohnmacht, ein Kampf gegen Windmühlen.
 
Wer siegte und was blieb am Schluss? Das Fazit war, nach dem gänzlichen Verlust der geliebten Menschen selbst dem Henker zuzueilen, um der Gerechtigkeit willen, und weil jeglicher Lebenssinn verloren war.
 
So wollte ich, den freien Gedanken folgend, die dubiosen Gesellschaftswerte anprangern, denen ich irgendwann zu entfliehen hoffte. Doch blieb ich im Teufelskreis des täglichen Existenzkampfes gefangen, den Schuldturm stets drohend vor Augen.
 
Ich fieberte dem letzten Tag meines Studiums entgegen und hoffte der Aufsicht des Herzogs und diesem entwürdigenden Gefängnisdasein bald entkommen zu können. Dennoch war ich mir sicher, dass weder die Freude noch die Zufriedenheit jemals wieder in mein Leben zurückkehren würden.
 
Obwohl ich mein Abschlussexamen bestanden hatte, wurden meine Erwartungen aufs Schlimmste enttäuscht, denn der ganze Jahrgang musste auf Befehl des Herzogs noch weitere zwölf Monate auf der Akademie bleiben. Seinerseits war versäumt worden, die förmliche Gleichstellung mit den Absolventen anderer Universitäten zu sichern, die eine praktische Weiterbildung an den Hospitälern durchlaufen mussten, um letztendlich als Mediziner anerkannt zu werden.
 
Um praktische Erfahrungen auf den Gebieten der Erkennung von Krankheitsursachen und deren Behandlungen zu sammeln, wurde ich regelmäßig in den Nachtstunden als Wärter auf der Krankenstation eingesetzt. Die stillen Stunden nutzte ich zur Niederschrift meiner Räuber-Schlussfassung.
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[1] Die Division war an einem schönen Sommersonntag unter Führung ihres Hauptmanns zu einem ordonnanzmäßigen Spaziergang ausgerückt. Der Zug ging die alten Weinberge hinauf zu dem Wald, welcher die Bopserhöhe krönt. Während die anderen vorwärts gingen, schlugen sich Schiller und seine engsten Freunde – Dannecker, Scharffenstein, Heideloff, Kapf, Schlotterbeck - seitwärts in den Wald.
 
 
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