schiller5

Heilbronn

Postkutsche

Am 1. August 1793 traten wir unsere lange und beschwerliche Reise mit einer eigens angemieteten Kutsche nach Schwaben an. Der Kutscher hatte den Weg über Nürnberg, Ansbach und Feuchtwangen genommen, und wir trafen ohne nennenswerte Zwischenfälle, wohlbehalten, am 8. August 1793 in Heilbronn ein.
 
Müde und erschöpft von der Reise logierten wir im Gasthof „Zur Sonne“, und ich musste in den ersten Tagen nach unserer Ankunft gezwungenermaßen das Bett hüten. Wenig später richtete ich ein Schreiben an den regierenden Bürgermeister der Stadt, Gottlieb Moriz Christian von Wacks, worin ich ihm mitteilte, dass ich willens sei, den ganzen Winter hier in Heilbronn zu verbringen. Ich bat ihn um den Schutz des Magistrats. Man bewilligte dies umgehend und ließ mir einen vergnügten Aufenthalt wünschen.
 
Obwohl mir das mildere, südlichere Klima gut tat und mir der Anblick der heimatlichen Berge die Tränen in die Augen trieb, war die Unterkunft auf Dauer zu teuer und zu laut für uns. So suchten wir schon nach kurzer Zeit eine neue Bleibe im Hause des Assessors und Kaufmanns Ruoff am Sulmertore, von wo aus ich noch einmal meine Bitte um Aufenthaltserlaubnis an den Herzog richtete. 
 
Mein Vater hatte die lange, zehnstündige Fahrt von der Solitude auf sich genommen und war mit meiner Schwester Louise nach Heilbronn gereist, um uns willkommen zu heißen. Obwohl er mich und meine Lebensziele und Absichten nie verstanden hatte und mir keinerlei Unterstützung zuteil werden ließ, war ich froh, ihn nach so langer Zeit in die Arme schließen zu können.
 
So meinte er immer noch, die fehlende Hilfe hätte mich umso mehr angespornt und wäre so Plan des Allmächtigen gewesen. 
 
Louise blieb nach seiner Abreise bei uns und half Lotte im Haushalt, deren Schwangerschaft nun sichtbar fortschritt und ihr zusehends mehr Mühe machte.
 
Nach der Rückkehr suchte mein Vater in Stuttgart persönlich den Herzog auf, erinnerte diesen an mein Gesuch und bat ihn inständig darum, mich noch einmal in Heilbronn besuchen zu dürfen. Seine Bitte wurde umgehend bewilligt, doch mein Antrag blieb nach wie vor unbeachtet.
 
Nach einem Besuch meiner Eltern, wagte ich trotzdem den Schritt über die Grenze – zum ersten Mal seit meiner Flucht. Meine Mutter hatte sich gesundheitlich erholt, und es bereitete mir Freude zu sehen, dass aus Nanette ein sehr hübsches, talentiertes Mädchen geworden war.
 
Mein Vater war, bis auf ein rheumatisches Leiden, immer noch rüstig für sein Alter und arbeitete nach wie vor unermüdlich auf der Solitude, wo er die erste rationell betriebene Obstplantage in einer zur Sehenswürdigkeit gewordenen Baumzucht im Großen, auf lang gestreckten Hügelterrassen betrieb. Hierüber hatte ich ihm den Druck einer praktischen Anleitung ermöglicht.
 
Nach meiner Rückkehr fasste ich den Entschluss, das sündhaft teure Heilbronn zu verlassen, zumal es hier wenig kunst- und wissenschaftlich interessierte Menschen gab, die meinen Alltag teilten und schrieb ein letztes Mal an den Herzog Karl Eugen, nur teilte ich ihm nun mit, dass ich meinen weiteren Aufenthalt in Ludwigsburg zu nehmen gedachte. Auch darauf kam keine Antwort. Der Herzog war einige Tage an den Rhein gereist, hatte jedoch meinem Vater erlaubt, in Bad Cannstatt gegen sein Rheuma zu kuren, obwohl er glauben musste, dass Vater mir nur näher sein wollte.
 
Später erfuhr ich von Freunden, der Herzog habe sich öffentlich dazu geäußert und gesagt, er würde mich in seinem Land ignorieren. Wenn sich jemand nach mir, als sein berühmtes Landeskind erkundigte, pflegte er zu sagen, er kenne mich nicht.
 

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