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Goethe reist nach Italien

Der Umzug in das Gartenhaus hatte meine Stimmung gehoben, und der direkte Umgang mit der Natur gab mir neue Kraft für meine Arbeit. Ende Mai konnte ich Goethe schließlich den Prolog meines Wallensteins vorlesen, und wir sprachen über die Teilung des Stückes, um das monumentale Ausmaß zu bändigen.
 
Bereits Ende April hatte Goethe eine Nachricht erhalten, in der von einem am 18. April 1797 beschlossenen Vorfrieden zwischen Österreich und Frankreich in Leoben die Rede war, womit der erste Koalitionskrieg endete.
 
Aufgrund des wieder hergestellten Friedens nahm Goethe seine schon lange gehegten Pläne einer weiteren Reise nach Italien wieder auf und beschloss schließlich, gegen Ende des Sommers dorthin zu reisen. Wir sprachen nicht darüber, was ihn letztendlich dazu bewog, diese lange und beschwerliche Reise anzutreten. Da sein Sohn noch klein war, war ich sicher, dass seine Lebensgefährtin Christiane über seine Pläne nicht erfreut gewesen sein dürfte.
 
Ebenso wie ich, würde sie sich verlassen fühlen, denn nach Humboldt ging nun auch Goethe und niemand wusste, wie lange er fort bleiben würde.
 
Goethe entzog sich einer für ihn gerade erst neu begonnenen Schaffensperiode, und ich hielt es für falsch, dass er gerade jetzt auf diese Reise ging.
 
Am 30. Juli 1797 war Goethe von Weimar zunächst nach Frankfurt am Main aufgebrochen und reiste nach drei Wochen über Stuttgart und Tübingen weiter nach Zürich, wo er am 20. November seinen Freund Johann Heinrich Meyer traf, der aus gesundheitlichen Gründen seine Italienreise abgebrochen hatte.
  JohannHeinrichMeyer
 

Selbstbildnis Johann Heinrich Meyer,
Wittumspalais Weimar (1932) - Hans Wahl, Anton Kippenberg: Goethe und seine Welt, Insel-Verlag, Leipzig 1932

 



Meyer, Direktor der freien Zeichenschule in Weimar, befand sich bereits seit Oktober 1795 auf Studienreisen durch Italien und war im Frühjahr 1797 erkrankt, während er sich in Florenz aufhielt.
 
Seit Juni verweilte er am Züricher See, und ich entschloss mich dazu, ihm einen Brief zu schreiben, worin ich meine Besorgnis ausdrückte, und meine Überzeugung kundtat, dass Goethe in seiner jetzigen kreativen Phase diese nun auch ganz und gar praktisch umsetzen müsse, und der Zeitpunkt seiner Italienreise falsch gewählt sei. Ich bat Meyer darum, sich für die baldige Rückkehr Goethes stark zu machen und ihn dazu zu bewegen, seine Arbeit fortzusetzen. 
 
Der Sommer zeigte sich von seiner wenig guten Seite. Die drückende Hitze am Tage und die allnächtlichen Gewitter machten mir sehr zu schaffen. Die ständige Atemnot war wegen der Schwüle noch unerträglicher als sonst. Ein Husten, der im ganzen Hause grassierte, warf mich abermals zurück aufs Krankenlager, welches ich bis weit in den September hinein nicht mehr verlassen konnte. Die dringenden Arbeiten für den Musen-Almanach mussten noch vor der Messe beendet werden, und ich arbeitete unentwegt, um das Versäumte nachzuholen.
 
Endlich, Anfang Oktober - die Arbeiten für den Almanach waren beendet - konnte ich mich mit ganzer Schaffenskraft wieder dem Wallenstein zuwenden.
Aufgrund der noch unzureichenden Räumlichkeiten und wegen der unsteten Witterung entschlossen wir uns, für die Wintermonate zurück in die Stadt, ins Griesbachsche Haus zu ziehen und bei Anbruch des Frühjahres mit den Umbauarbeiten des Gartenhauses zu beginnen.
 
Es graute mir nicht wenig vor den trostlosen, kalten Monaten, in denen ich mein räumliches Gefängnis nicht verlassen konnte, zumal es mir an adäquater Unterhaltung fehlen würde. Meine trüben Aussichten erhellte ein Hoffnungsschimmer, der in Form eines Briefes von Goethe zu mir ins Haus kam, weil er mir seine baldige Rückkehr in Aussicht stellte.
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Bonaparte auf der Brücke von Arcole. Musée du Louvre. Quelle: Wikipedia
 



Der Frieden zwischen Frankreich und Österreich war brüchig geworden und gab der Befürchtung, Süddeutschland würde zum Kriegsschauplatz, neue Nahrung. Obwohl Goethe zunächst einen längeren Aufenthalt in der Schweiz geplant hatte, um dann im Frühjahr weiter nach Italien zu reisen, entschloss er sich zur Rückkehr und traf am 20. November 1797 in Weimar ein. Noch am selben Tage überraschte er mich gemeinsam mit Meyer mit seinem Besuch, und ich freute mich darüber, ihn wieder zu haben. 
 
Goethe war mit neuen Plänen aus der Schweiz zurückgekehrt und hatte die Absicht geäußert, ein Epos über den Wilhelm Tell zu schreiben, verwarf jedoch diesen Plan nach einiger Zeit wieder.


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