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Geständnisse

Prise_de_la_Bastille

Jean-Pierre Houël (1735-1813), entitled Prise de la Bastille ("The Storming of the Bastille"). Quelle: Wikipedia
 



Gerade während dieser glücklichen Augenblicke in Bad Lauchstädt stürmte das Volk in Paris die Bastille und eine Umwälzung sollte ganz Europa erschüttern.
 
Was damals wie ein Vorbote des Sieges der Freiheit aussah, entwickelte ein unangenehmes, barbarisches Eigenleben und endete 1792 vorläufig mit der Ausrufung der Republik und 1793 mit der Enthauptung Ludwigs des XVI.
 
Wir alle beobachteten die Entwicklung dort mit Interesse, zumal Wilhelm von Beulwitz, Karolines Ehemann, seit dem 4. Mai 1789 als Begleiter der schwarzburg-rudolstädtischen Prinzen Ludwig Friedrich und Karl zu einer Bildungsreise aufgebrochen war, die im Herbst auch nach Paris führen sollte. Da Wilhelm von Wolzogen in Paris studierte, beunruhigten uns die dort zunehmenden Unruhen und Gräueltaten umso mehr.
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Ludwig Friedrich II. Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt Quelle: Wikipedia
 

Verwirrt aber glücklich reiste ich weiter nach Leipzig, wo ich schon von Körner erwartet wurde. Es war unser erstes Treffen seit zwei Jahren, und ich merkte, dass sich nichts zwischen uns geändert hatte. Mein außergewöhnlicher Frohsinn blieb ihm nicht verborgen, denn ich strahlte vor Glück.
 
Er, als mein bester Freund, erfuhr nun als Erster von meiner Verlobung und meiner Hoffnung, ja Gewissheit, von beiden geliebten Frauen nie mehr getrennt sein zu müssen. Ich schüttete ihm mein Herz aus, und meine Glückseligkeit steigerte sich noch, als ich von seinen Plänen erfuhr. Er kündigte mir an, dass er bereit sei, innerhalb eines Jahres Dresden zu verlassen, um nach Jena zu ziehen.
 
Das waren himmlische Aussichten für mich! Zwischen Körner, Lotte und Karoline sollte sich ein Freundschaftsbund entwickeln, der uns reich machen würde.
 
Doch blieb ein kleiner Funken des Misstrauens in meinen Gedanken. Dieser würde erst verlöschen nachdem ich mit Lotte selbst gesprochen hatte. Nichts und niemand konnte sich dann noch zwischen unseren ungewöhnlichen Bund stellen, nur Offenheit sollte ihn auszeichnen, so dass wir unsere Seelen frei vor einander entfalten könnten.
 
Kommenden Freitag wollten Karoline und Lotte nach Leipzig reisen, um die Körners und Dora kennen zu lernen. Doch da ihre Freundin Karoline von Dacheröden immer noch krank war, reisten sie alleine, in Begleitung des Stadtpräsidenten von Halle.
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Burgörner Familiengut Dacherödens im Mansfeldischen bei Hettstedt.
 



Körner, dem ich bis zu meiner Beichte meine heimliche Liebe verschwiegen hatte, nahm die Nachricht von meiner Verlobung schlecht auf. Nachdem ich ihm meine Zukünftige vorgestellt hatte, blickte er finster und ernst. Lotte gefiel ihm nicht sonderlich, da sie durch ihre verschlossene Art kühl und abweisend auf ihn wirkte.
 
Sofort vermutete er, dass ich wieder meinen eigenen Gefühlen zum Opfer gefallen sei, denn Lottes angebliche Liebe zweifelte er an, weil sie so wenig Herzlichkeit ausstrahlte.
 
Darüber enttäuscht kehrte ich am 8. August 1789 gemeinsam mit meinen Freundinnen zurück nach Bad Lauchstädt und verbrachte dort noch zwei Tage im Kreise meiner Liebsten. Ungeduldig strebte meine Seele nach Vollendung. Endlich wollte ich d a s besitzen, was m e i n war!
 
Mich schreckte der lange Zeitraum, der uns noch trennen sollte. Ich bewunderte insgeheim die Gelassenheit meiner Auserkorenen, mit der diese unserer gemeinsamen Zukunft entgegen sahen. Mit aller Stärke strebten wir unsere immerwährende Vereinigung an, deren notwendige Bedingung Freundschaft und Liebe war.

Karoline von Dacheröden war alleine nach Burgörner zurückgekehrt, und auch ich reiste am 10. August alleine ab, konnte jedoch unterwegs meine Reise in Begleitung der Körners und Dora fortsetzen, weil diese acht Tage lang bei mir in Jena wohnen sollten.
 
Zwischenzeitlich fuhren sie nach Weimar und hielten sich an drei Tagen dort auf, um zahlreiche Besuche zu absolvieren, vor allem bei Herder und Voigt. Einer dieser Besuche galt auch Charlotte von Kalb und zwar direkt am ersten Tag. Man kannte sich bisher nur aus Briefen, und ich hatte Charlotte dieses Treffen bereits im Juni angekündigt. Trotzdem war ich dem Besuch fern geblieben, weil Körner eine gespannte Situation und gegenseitige Verlegenheit befürchtet hatte.
 
Nach meiner Rückkehr fand ich in Jena einen Brief meiner Schwester Christophine vor, den ich jedoch erst nach der Abreise meiner Freunde beantworten konnte. Sie berichtete mir von ihrem Besuch bei meinen Eltern in Schwaben, zu dem sie gemeinsam mit ihrem Mann Reinwald gereist war. Schon so lange war ich meiner Familie entrissen, dass ich oftmals meinte, ganz alleine auf der Welt zu sein. Nur manchmal erinnerte ich mich daran, dass meine Familie immer noch auf der Solitude lebte, aber das alles schien mir unwirklich und fern. Seit meiner Flucht im Jahre 1782 hatte ich meine Mutter nicht mehr gesehen und auch jetzt würde eine so weite Reise nach Schwaben meine finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Außerdem hätte eine längere Abwesenheit von der Universität im Moment einen nachteiligen Einfluss auf meine akademische Laufbahn gehabt.
 
Freudig berichtete ich meiner Schwester von meiner Verlobung, nur den Namen meiner Auserwählten durfte ich ihr noch nicht nennen. Dies konnte offiziell nur dann geschehen, wenn mir ein festes Gehalt zugesichert worden war, was eine Vermählung überhaupt erst möglich machen würde.
 
Wie ich erfuhr, sollte meine kleine Schwester Nanette zukünftig bei Christophine wohnen, und irgendwann, nachdem ich meinen eigenen Hausstand gegründet hatte, wollte ich sie besuchen.
 
Mit einem Male holte mich meine Vergangenheit ein, und ich erinnerte mich daran, wie gewaltsam das Schicksal an meiner Seele gezerrt und somit auch mein Wesen verändert hatte.
 
Meine Jugend war traurig und düster gewesen, und ich wurde nach einer geist- und herzlosen Erziehung ins Leben entlassen. Den Schaden, den dieser unselige Beginn meines Lebens in mir angerichtet hatte, spürte ich noch immer. Manchmal fühlte ich mich minderwertig und war misstrauisch, wenn jemand behauptete, mich zu lieben. Was würde geschehen, wenn Karoline und Lotte erst einmal alle meine Schwächen kennen oder sie ihnen bewusst würden? Würden sie überrascht zurückschrecken oder mich trotzdem noch lieben können? Ich wäre  bemüht, mich zum Besten zu ändern, zumindest würde ich es mit starkem Willen begeistert versuchen.
 
Mein Freund Körner war in nicht so guter Stimmung nach Dresden zurückgekehrt. Vieles hätte ich ihm noch sagen wollen, doch dafür war die Zeit zu kurz und in unserem Zusammensein zu viel Unruhe gewesen. Also blieb vieles unausgesprochen, und unser Verhältnis schien etwas unterkühlt, als er mich verließ. Irgendwann würde er seinen Irrtum einsehen, davon war ich überzeugt. Er sollte Charlotte richtig kennen lernen, wenn wir erst verheiratet wären.
 
Inzwischen hatte ich erfahren, dass Herder zum Vize Konsistorialpräsidenten ernannt worden war und in dieser Funktion in Weimar bleiben würde. Dafür sollten ihm jährlich 2000 Taler zur Verfügung stehen. Auch Körner wollte in die Weimarer Dienste treten, und ich war gespannt darauf, ob er bei diesem Vorsatz bleiben würde.
 
 
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